Kann man Politik hören?
Fr, 29.05.2009, 18:00 - 20:00 Uhr
Diese Frage stellen sich die drei in Tel Aviv geborenen Musiker Ohad Ben-Ari, Guy Braunstein und Avri Levitan auf dem Geschichtsforum und antworten mit Dmitrij Schostakowitsch und Johannes Brahms. Eine Einladung, künstlerische Zwischentöne zu entdecken.
Wer wäre dabei als Lehrmeister hintergründiger und tiefgehender als der russische Komponist, der sich unter Stalin zur Komposition erhebender Musik für Massen gezwungen sah, zugleich aber selbst unter dem festen Griff des Regimes litt und dem Terror und den Tragödien des 20. Jahrhunderts Ausdruck geben wollte? Schostakowitsch' Symphonien, Streichquartette und Konzerte bezeugen den nicht gangbaren Weg, den Eindruck von Ersterem zu vermitteln und Zweiteres zu tun.
Zu seinen Lebzeiten galt der in Sankt Petersburg Geborene im In- und Ausland als strammer Unterstützer des Regimes; erst nach seinem Tod geriet dieses Bild mit den vom Journalisten und Musikwissenschafter Solomon Volkov publizierten Memoiren des Musikers in Zweifel. Doch die Debatte über Schostakowitsch' wahre politische Überzeugung und deren Ausdruck in seinem Schaffen wühlt weiter auf - genauso wie seine erschütternde Musik.
Die Sonate für Viola und Klavier, Schostakowitsch' letztes Stück vor dem sich bereits abzeichnenden Tod im Jahr 1975, ist ein Vermächtnis von Sarkasmus, vom Drängen nach Schönheit und Liebe, kurz seines Lebens im Bolschewismus. Diesem wird ein ganz anderes Stück Kammermusik und musikalisches Selbstverständnis gegenüber gestellt: Johannes Brahms melancholisches Trio in Es-Dur aus dem Jahr 1865 in einer seltenen Umsetzung mit Bratsche statt Horn. Gemeinsam stellt der Kontrast zwischen Brahms' romantischem, ?natürlichem? Expressionismus und Schostakowitsch' politischem, sarkastischem Ausdruck (vermeintlich) gehörte Eindeutigkeiten auf die Probe.
Einführung: Avri Levitan
Dmitrij Schostakowitsch
Sonate für Viola und Klavier op. 147 (1975)
Johannes Brahms
Trio für Horn, Violine und Klavier Es-Dur op. 40 (1865)
(mit Bratsche statt Horn, originelle Fassung von Brahms)
Mit freundlicher Unterstützung der Bundeszentrale für politische Bildung
Ort: Humboldt-Universität, Seminargebäude
Raum: Fritz-Reuter-Saal
Mitwirkende:
Ohad Ben-Ari , Klavier
Guy Braunstein, Violine
Avri Levitan, Bratsche

