Vorwärts nach Westen, zurück zur Nation? Europa seit 1989
Podium in der Humboldt-Universität, Senatssaal
29. Mai 2009, 11:00- 12:30 Uhr
Die Neuorganisation Mittel- und Osteuropas nach der Auflösung des sowjetischen Imperiums wird als Erfolgs- und Integrationsgeschichte erzählt. Doch was fördert ein genauerer Blick unter deren Oberfläche zutage? Mit dem Erlangen der Freiheit ging vielerorts eine Wiedergeburt des Nationalismus einher, teils friedlich und durchaus einzelne Nationalstaaten stabilisierend, teils blutig in Bürgerkriegen; die Erweiterung der Europäischen Union gilt als Stabilisierungsangebot für eine Region im Umbruch. Welche Auswirkungen hat das Zusammenrücken unter ein gemeinsames europäisches Dach tatsächlich, für das 'neue' Europa und auch für das 'alte', das sich bereits auf dem besten Weg in ein postnationales Zeitalter wähnte? Ist neben dem Frieden zwischen alten und neuen EU-Mitgliedern primär Bedrohliches zu bilanzieren - etwa eine Erosion demokratischer Werte und westlicher Errungenschaften wie der liberalen Öffentlichkeit, des Minderheitenschutzes, der sozialen Marktwirtschaft? Oder sind in Zeiten der Globalisierung die vermeintlichen Erfolgsmodelle des 'alten' Europa längst überholt, und kommen die zukunftsfähigen Modelle aus dem Osten, wo Entpolitisierung und Kapitalismus, entschlackt und flexibel, viel größere ökonomische und gesellschaftliche Erfolge versprechen? Was bedeutet das neue Osteuropa - innerhalb der EU-Grenzen und darüber hinaus - für das 'alte' Europa, was das 'alte' Europa für das 'neue' - kulturell, politisch und sozial? Lässt sich heute überhaupt noch von "dem Osten" und "dem Westen" sprechen?
Mit
Juri Andruchowytsch, ukrainischer Schriftsteller, Übersetzer und Publizist, Iwano-Frankiwsk/Berlin
Milan Horacek, Mitglied des Europäischen Parlaments für die Grünen, Prag
Prof. Dr. Stefan Troebst, Stv. Direktor des Geisteswissenschaftlichen Zentrums Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas (GWZO) an der Universität Leipzig
Sonja Zekri, Journalistin und Autorin, München-Moskau
Moderation: Bascha Mika, Chefredakteurin der taz, Berlin
